Ich spreche mit Kommissarin Götte. Wir nennen sie alle nur Frau Düssel, weil die knackige Blondine aus Düsseldorf kommt. R* lebte in einer Drei Zimmer Wohnung mit Kinderzimmer – aber ohne Kind. Das ertrank vor einigen Jahren am Baggersee. Seitdem trinkt und schlägt R*. Der behauptet zwar nicht auf seine Frau eingeschlagen zu haben, aber unter seinen Fingernägeln befinden sich angeblich ihre Hautreste.
„Kann man feststellen wie alt die sind?“, will ich wissen.
„Warum?“ Götte hat kein Verständnis für meine Fragen. Am liebsten wäre es ihr, ich würde im Revier sitzen.
„Nehmen wir an er drischt auf seine Frau ein. Heute Morgen.“
Ein KTU`ler im Raum hört es und kommt auf uns zu. „Die Zellkulturen sind in diesem Fall abgestorben. Wir würden es an ihr sehen und an ihm.“ Dabei zeigt er mit dem Kopf auf die Kreideumrisse.
„Also los.“, beschied ich knapp.
Heute Nacht rief mich R* an. Er ist wegen dringenden Tatverdachts festgenommen. Seine Frau lag erstochen in einer riesigen Blutlache im Eigelstein. Weil ich mir keinen Detektiv leisten kann, bin ich erst einmal selbst zum Tatort. R* lebt in einfachen Verhältnissen. Drei Zimmer Wohnung, alter Opel. Heute Nachmittag mehr!
Heute war die Verhandlung im Fall U*. U* ist Rentner, hat sein ganzes Leben ohne Unterbrechung im Lager gearbeitet und eine kranke Frau. Heute kommen sie nicht mehr mit der Rente hin. U* hat im Supermarkt geklaut. Wenn es wenigstens nur Lebensmittel gewesen wären, dann hätte ich was deichseln können, aber leider ist U* auch sehr eitel. In seinem Beutekorb befanden sich Rasierklingen und Schuhe. Eingehüllt in Silberpapier, der Alarmanlage wegen. Da gab es nix zu leugnen. Videos, ein Detektiv, beschlagnahmte Waren, ein Geständnis bei der Polizei. Doch Euer Lubinetzki ist ein ganz kluger: Ich habe mir die Akten des Staatsanwaltes und seiner Strafforderung bei kriminellen Jugendlichen kommen lassen. Freispruch, Kuschelstunden, Freispruch. „Sind geklaute Handys weniger Wert, Herr Kollege?“
Sundermann sieht mich an wie vom Donner gerührt. Ich glaube, er hat eine Frau und drei Kinder. Der Richter ist innerlich auf meiner Seite. Ich spüre das. U* muss den Schaden ersetzen und kommt mit Be-währung davon. Im gehen sagt er ganz trocken: „Ich werde weiter stehlen müssen.“
Eigentlich finde ich die 45 qm² meiner Kanzlei richtig nett. Professor Adalbert Hirsch hat sich in den sechziger Jahren niedergelassen und es scheint, als ob er stur die Möbel nie auswechseln wollte. Das Parkett knarrt frisch gebohnert, ja sogar die Telefone haben noch eine Wählscheibe und nur die Stecker wurden ausgetauscht. Der einzige moderne Luxus, den ich mir gönne ist ein Computer. Heute hat Herr Ungureit noch einen Termin bei mir.
Mandate wie bei U* machen mich glücklich, aber nicht reich. U* ist nicht einmal in der Lage, PKH zu beantragen. R* ist einer der Typen, die einen das ganze Verhältnis zu den Kollegen versauen können. Er wird im Gerichtsaal schreien, beleidigen. Oma Hirsch ist beseelt von dem Gedanken, dass uns eine Wirtschaftskrise heimsuchen wird und will den schönen Villengarten in eine Farm umwandeln.
„Weißt du Junge, wir haben beide nicht viel Geld.“
„Du mehr als ich.“, antwortete ich erbost, dachte an ihre riesigen Aktienpakete und Oma Hirsch zog eine Schnute.
„Wie dem auch sein, ich fänd` es nett wenn wir die Beete gemeinsam anlegen. Was denkst du?“…
Was ich denke? Ich denke, es ist Pfingstmontag und ich bin allein. Allein und einsam.
Dieses Wochenende wird voll für den Rudi. Da will ich mir einen schönen Freitagabend machen, weil mich Oma Hirsch nicht zum gemeinsamen Fersnehabend zwingen kann, sie ist bei den Canasta Sisters, und backe mir Kekse mit schwarzem Afghanen angereichert. Ich gönne mir ja sonst nichts und wenn aus mir schon nicht der Barack Obama der Kölner Anwälte wird (hier ist wieder die Assoziation mit schwarz…) dann wenigstens die Hoffnung darauf!
Tja und was soll ich sagen: Ich gehe am abend in die Küche und will mir die Keksdose holen. Zur gleichen Zeit läuft drei Straßen weiter eine riesige Seniorenparty, weil sich alle plötzlich so anders, so wohl, fühlen. Will man den Ausführungen von Frau Finke glauben, hat Oma Hirsch den Herrn Finke angebaggert.
´Du mein zweiter Frühling, mein Garten der Lust.`, soll sie gesagt haben. Opa Finke hat dann Metallica aufgelegt - seine bis dahin heimliche Leidenschaft - und die Mädels haben die Bude zerlegt.
Die Heimfahrt entpuppte sich als reine Katastrophe:
Jetzt sitzt die Oma in der Küche und will mehr von dem “geilen Zeug”.
Ich muss R. verteidigen, denn das Dach ist kaputt. Rodensky ist Dachdecker und wird uns das Dach schwarz ausbessern. Anweisung von Oma Hirsch. Mein Problem: Als Anwalt muss ich nach besten Wissen und Gewissen verteidigen. Lust habe ich keine, denn R. ist so ziemlich alles: Ungepflegt, ein Gewohnheitstrinker, vorbestraft und dumm. Ich konnte ihm einreden dass die Dachausbesserungen die Anwaltskosten nur zu einem Teil decken und dass wir einen auf Klapse machen. Dann wird der Richter ihn nicht so hart bestrafen. R. lehnte ab und begann zu weinen. Etwas stimmt nicht und ich habe das Ungute Gefüghl, dieser Mann wird mich noch auf Trab halten. Eine Ahnung, was es ist, habe ich nicht.
Das Warten hat ein Ende. Heute will Herr Rodensky kommen. Er hat eine Klage seiner Ex-Frau am Hals, weil er „sie mit den Fäusten massiert hat“. Geld hat R. keins und ein Schwein ist er auch. Ich werde ihn ablehnen. Warum habe ich das nicht gleich am Telefon gemacht? Typen wir R. sind Anwärter auf den Titel SAM: Schlimmster anzunehmender Mandant. Auf der anderen Seite denke ich an Oma Hirsch, die Miete und mein überzogenes Konto. Rodensky hat Oma Hirsch abgepasst, als ich bei Hubi war. Natürlcih das ganze Programm: Kaffee, Kriegsgeschichten erzählen und ausfragen. Ich musste ihr versprechen, die Kanzlei nicht einfach so zu schließen.Okay, mache ich.
Die Kasse ist leer. Ich habe keine Lust mehr. Um die Miete abzustottern bin ich gestern einkaufen gegangen und habe gebügelt. Oma Hirsch hat heimlich nachgebügelt und ist stolz auf meine Hausmannsleistung. Mir ist der Kragen geplatzt. Oma Hirsch will nie wieder schauspielern. Ich sitze in meiner Kanzlei und warte. Auf einen Anruf, darauf dass irgendetwas passiert, über dass ich mit Oma Hirsch reden kann. Ich nehme mein Notizbuch und überlege, in welcher Kneipe ich noch anschreiben lassen kann. Hubi? Der hat immer die neuesten Lesezirkelzeitschriften! Auf zu Hubi! Denn bei Hubi ist es lustig, bei Hubi ist es schön, ja nach einer Hubi Tour da lasse ich mich gehn:
Ich, Gregor Lubinetzki, lebe in einer WG mit Oma Hirsch; der Witwe meines Vorgängers. Kanzlei, Wohnung und Oma Hirsch sind sozusagen in Union an mich ge-gangen und befinden sich alle in der Villa die Oma Hirsch gehört. Oma Hirsch ist sauer weil ich nun schon seit Jahren in einem Zimmer wohne und mit 43 Jahren keine Freundin habe. Wo sie recht hat, hat sie recht. Ich glaube, sie ist auch etwas sauer, weil ich die Kanzlei nicht auf Fordermann bringe. „Das ist ein gutes Viertel.“ sagt sie immer. Das mag stimmen. Aber ich bin kein guter Anwalt für Leute, die mit das Geld in den Rachen werfen, um deren Probleme zu lösen. Abgesehen davon produzieren deutsche Universitäten zu viele Advokaten. Tja, aber böse Omas haben so ihre Tücken, wie ihr hier sehen könnt: